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Gemeinschaftliches Wohnen in Bad Homburg Ober-Erlenbach – Das Bauprojekt „Unser Oberhof“ im Porträt mit Architektin Antje Riedl und Bauunternehmer Thomas M. Reimann

Ein Blick in die eigene Vergangenheit, auf die Anfänge ihrer Arbeit als Architektin, die nach dem Studium ihr Büro im Oberhof errichtet hatte. 

Wir haben Antje Riedl, Inhaberin des Bad Homburger Büros ACR+ ( https://www.acr-plus.de ), auf dem Gelände getroffen und mit ihr bei einem Rundgang über die Besonderheiten und einige Geschichten über das historische Gelände, das gerade sein Wiederaufleben erfährt, gesprochen.

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Antje, du hast einen ganz besonderen Bezug zum Projekt Oberhof in Ober Erlenbach. Was war dein erster Berührungspunkt mit dem Oberhof?

Antje Riedl: „Im September 1996 bin ich am Oberhof vorbeigelaufen und habe einen mir unbekannten Traktor mit Darmstädter Kennzeichen auf dem Gelände fahren sehen. Ich habe den jungen Landwirt einfach direkt angesprochen, ob er denn Räume vermiete, schließlich war ich auf der Suche nach einem Büro für meine Arbeit als Architektin. Es hat super gepasst, denn er wollte ohnehin einige Räume vermieten und so bin ich an den Kälbchenstall gekommen, der dann mein erstes eigenes Büro wurde.

Ich erinnere mich gerne an die Wärmelampen und Details wie die Güllerinne, die durchs Büro verlief, weil das einfach etwas Einmaliges war, etwas, das man nicht überall findet.“

Wie lange beschäftigt dich der Wiederaufbau bzw. auch die Neu-Entwicklung des Oberhofes inzwischen?

Antje Riedl: „Im Jahr 2008 kam der Ortbeirat Ober-Erlenbach auf mich zu. Das Land Hessen war Eigentümer des Geländes und der Pachtvertrag mit dem Mieter Christoph Förster sollte zu dem Zeitpunkt aufgelöst werden. Durch einen „Land-Tausch“ bekam ein anderer Landwirt der Region Teile der landwirtschaftlichen Flächen des Oberhofes zugesprochen, dadurch fehlte wiederum Christoph Förster die Fläche und ihm wurde eine größere Domäne in Büdingen angeboten, die er dringend benötigte.
Eine Auflösung des Pachtvertrages bedeutete, dass auch alle bestehenden Mietverhältnisse mit den Unter-Mietern aufgelöst werden.
Das Land überlegt, die Gebäude des Oberhofes separat zu verkaufen und der Ortsbeirat kam auf mich zu mit der Bitte, ein Nutzungskonzept zu entwickeln. Man wollte keine Luxus-Eigentumswohnungen auf Privatgelände, sondern den Charakter und das, was den Oberhof schon immer ausgemacht hat, erhalten. Jetzt, nach mittlerweile 11 Jahren, setzen wir das Projekt in die Tat um.“

Gemeinschaftlich Leben und Wohnen, ein Plus für das Miteinander im Alter, aber auch in jungen Jahren – all das soll der Oberhof bieten. Wie würdest du das Konzept des Oberhofes und die Besonderheiten der Location beschreiben?

Antje Riedl: „ Das Konzept ist sehr zukunftsorientiert und ermöglicht es allen Altersgruppen, davon zu profitieren. Das gegenseitige Helfen und Unterstützen sind offensichtliche Pluspunkte. Wenn beispielsweise die „Leihoma“ zur Betreuung oder Abholung der Kinder vom Kindergarten da ist oder anders herum die Älteren davon profitieren, dass die Jungen ihnen bei den Einkäufen zur Hand gehen, entsteht eine Gemeinschaft, die man bei der Anonymität in vielen Städten vermisst. Durch verschiedene Nutzungsarten auch von anderen Leuten, vom Jugendzentrum, dem Spielplatz bis zu der Bibliothek wird der öffentliche Bereich bespielt und es wird Leben im Oberhof herrschen.
Auch die Gastronomie wird Gäste auf das Gelände bringen.“

Gibt es interessante Geschichten zum Hof, die dir einfallen?

Antje Riedl (lacht): „Eigentlich ist der ganze Hof interessant. Insbesondere, als ich frisch mit meinem Büro dort angefangen habe kamen viele Ortsansässige mit interessanten Geschichten. Manche waren dort geboren, andere haben sich zur Zeit des Krieges dort durchgeschlagen und in Gemeinschaftstöpfen gekocht. 
Auch die eigene Gemeinschaft als Mieter hat viele Erinnerungen gebracht. Es gab einen Hofladen, Bioweinhändler, Töpferatelier, Bildhauer, Modeschauen, Kunstwerkstatt, eine Jazzband hat hier geprobt, Nicky und Christa hatten hier einen Laden (ökologische Baustoffe, Wohnaccessoires und Modedesign) und die Kinder unserer Freunde Katrin und Christoph sind hier groß geworden.

Dazu gibt es auch eine schöne Geschichte. Die beiden haben sich für ihre Hochzeit im Siegerland meinen VW Käfer als Hochzeitsgefährt gewünscht. Wir haben dann Christoph’s Traktor rosa eingefärbt und einen Anhänger geliehen und mit einem Spitzenbett dekoriert. Zur Hochzeit sind wir dann mit dem Käfer vorgefahren. In der Erwartung, in ihr Hochzeitsgefährt zu steigen, haben wir die beiden überrascht als der Käfer vor ihrer Nase wegfuhr und der rosa Traktor vorfuhr. Mit diesem Hochzeitstraktor sind wir dann auch zurück bis nach Bad Homburg gefahren und in Leun noch versehentlich in einen Festumzug geraten. Der rosa Traktor war DIE Attraktion.“

Antje Riedl: „Ich erinnere mich auch gerne an den Handwerkermarkt, bei dem wir historisches Handwerk, von Schmieden bis zum Wolle spinnen im Oberhof präsentiert haben, das war eine tolle Veranstaltung. Dieses Miteinander war schon immer etwas, das den Oberhof ausgemacht hat.“

Welche Details in den Gebäuden, die Ihr entdeckt habt, werden in das neue Projekt integriert?

Antje Riedl: „Es sind so viele schöne Kleinigkeiten. Zum Teil erinnern Dinge an die frühere Tierhaltung, etwa Halterungen für Heu oder die Ringe für die Tiere zum Anbinden. Das werden wir alles reinigen und aufbereiten und in das Konzept integrieren. Auch die alten Leitern auf dem Heuboden werden wir sanieren. Entsprechend dem Denkmalschutz werden alte Fenster und Tore aufbereitet und alte Stromabnehmer als optisches Element erhalten. Was wir neu hinzufügen werden sind unter anderem Bachkatzenkiesel. Bei den Festen in den letzten Jahren haben wir immer wieder einige dieser Steine verkauft gegen eine geringe Spende mit der wir die Veranstaltungen finanzieren konnten. Diese Steine werden wir mit den Namen der Unterstützer versiegeln und im Gebäude oder dem Außenbereich als Mosaik integrieren. Über die Jahre sind da 120-130 dieser Bachkatzenkiesel zusammengekommen. Mit diesen für Erlenbach typischen Steinen können wir dann ein Stück weit auch die Unterstützer ehren und integrieren.“

Wenn du dir eine beliebige Stelle im gesamten Oberhof „reservieren“ könntest, welche wäre das und warum?

Antje Riedl: „Zugegeben – ich liebe fast alles am Oberhof und man findet überall etwas Besonderes, in das man sich verlieben kann.

Im Südflügel hat man den Blick auf die Skyline, das Jugendzentrum wird in schönen Räumlichkeiten liegen und in der Mitte des Hofes wird man unter dem Ahorn oder dem Nussbaum wunderbar entspannen können. Die Bewohner des Pächterhauses werden auch eine ganz besondere Stelle bekommen, wo sie unter der Kastanie sitzen und ihren Nachmittags-Kaffee genießen können. Einen weiteren besonderen Raum, nämlich den Saal haben wir aber wirklich für uns reserviert und dort werden wir im ehemaligen Kuhstall eine Fläche für Kunst und Architektur schaffen.“

Danke für die Einblicke in deine Arbeit als Architektin des Oberhof-Projektes und den Rückblick auf die Geschichte und Geschichten des Objektes!

Auf der Baustelle treffen wir auch das Team der ALEA AG aus Bad Vilbel und den Vorstandsvorsitzenden Thomas M. Reimann. Herr Reimann, welche Aufgaben übernimmt Ihr Unternehmen, die ALEA AG hier auf dem Oberhof?

Thomas M. Reimann: „Die ALEA AG hat die gesamten Rohbauarbeiten im Oberhof beauftragt bekommen. Sowohl für den Bereich des Neubaus, wie auch für die Bestandsbauten. Im Rahmen der Vergabegespräche hat die ALEA AG bereits auf mögliche Optimierungsmöglichkeiten hingewiesen, die von den planenden Architekten bei der Finalisierung berücksichtigt wurden.“

Wo liegen Herausforderungen bei einem Bauprojekt wie dem Oberhof in Bad Homburg Ober-Erlenbach?

Thomas M. Reimann: „Gerade beim Oberhof ist die Arbeitsvorbereitung ein wichtiges Kriterium. Logistik entscheidet maßgeblich über einen zügigen, reibungslosen Ablauf. Eine Fülle von Gewerken gilt es zu disponieren. Der Rohbauer steigt relativ früh in ein Projekt wie den Oberhof ein, um sinnvolle und wohl durchdachte Abläufe zu garantieren. Das sogenannte Bauen im Bestand ist dabei immer eine besondere Herausforderung, zumal im Oberhof alte Gebäude revitalisiert werden und statische Anforderungen entsprechend erfüllt werden müssen.“

Im Rahmen Ihrer Tätigkeit beim BDB Hessen-Frankfurt (Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure) und VhU (Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände) beschäftigen Sie sich intensiv unter anderem mit dem Thema Wohnungsbau in der Region Rhein-Main. Was meinen Sie, sind Konzepte des gemeinschaftlichen Wohnens und die Kombination aus privatem Wohn- und öffentlichem Lebensraum wie es im Oberhof sein wird zukunftsweisend und haben eine Daseinsberechtigung?

Thomas M. Reimann: „Ich bin davon überzeugt, dass Wohnkonzepte dieser Art in Metropolregionen verstärkt gesucht werden. Das Projekt kann ich als ehrenamtlich aktiver Unternehmer nur begrüßen. Wir erleben einen Wandel in unserer Gesellschaft, die Alterspyramide verschiebt sich, sodass das Konzept Oberhof in jedem Fall eine Daseinsberechtigung hat.“

Herr Reimann, herzlichen Dank für Ihre Antworten zum Oberhof-Projekt.

Hier geht es zur Webseite des Oberhofs: https://www.unser-oberhof.de

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