Search

Eröffnung des Mehrgenerationen-Wohnprojektes „Unser Oberhof“ in Bad Homburg Ober-Erlenbach

2019 waren wir zum ersten Mal mit der Architektin Antje Riedl im Bad Homburger „Oberhof“ – beim Dreh eines Videos und für einen Artikel in unserem Magazin (hier ansehen) sind wir gemeinsam durch einen damals baufälligen Hof geschritten. Durch Löcher im Boden konnte man in die sich unter den Füßen befindliche Etage schauen, stellenweise hatte das Ganze schon „Lost Place“ Charakter.
Aber schon damals war etwas zu spüren – dieser Ort hat eine ganz besondere Atmosphäre. Die ersten 3D Visualisierungen, die wir veröffentlicht haben, zeigten dann das Potential und das Konzept, das Architektin Antje Riedl vorschwebte. Ein Konzept, das heute, im September 2021, Realität geworden ist. Mehrgenerationen-Wohnen, öffentlicher Wohn- und Lebensraum für Jung und Alt, für Anwohner gleich wie für Besucher. Ein Interview mit Architektin Antje Riedl.

Wie viele Jahre beschäftigt dich das Projekt „Oberhof“ jetzt insgesamt?

Das Projekt beschäftigt mich im Zusammenhang mit dem Mehrgenerationen-Wohnprojekt mittlerweile seit 2008. Damals kam der Ortsbeirat auf mich zu und hatte mich gebeten, ein Nutzungskonzept zu entwickeln. Das Ziel war es, die Zukunft des Oberhofs zu sichern und ihn auch der Öffentlichkeit zugänglich zu lassen, so wie es in der Pachtzeit der Familie Förster war.

Das habe ich dann natürlich sehr gerne gemacht. Der Oberhof liegt mir auch persönlich am Herzen. Mit dem Bau besteht nämlich schon weitaus länger als diese 13 Jahre eine Verbindung. Ich hatte im Jahr 1996 begonnen, dort mein erstes eigenes Architektur-Büro zu errichten, das ich dann 1997 eröffnet hatte. So gibt es eigentlich schon seit 25 Jahren eine Verbindung.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Im Rahmen der Eröffnungs-Veranstaltung am 18. September 2021 hattest du schön beschrieben, wie du gemeinsam mit Bauherrn Hans Preißl von der Genossenschaft „Unser Oberhof“ im Innenhof gesessen hast und ihr dabei realisiert habt, dass alles Wirklichkeit geworden ist.
Was war das für ein Gefühl, in diesem fertigen Bau zu stehen – zu wissen, wie viel Zeit, wie viel Arbeit und Energie in dem Projekt stecken?

Das war tatsächlich das erste Mal seit Beginn der Bauphase, dass ich ganz gemütlich im Innenhof saß und einfach mal alles auf mich wirken lassen konnte. Und es war ein schöner Moment – zu sehen, dass es jetzt echt und „da“ ist, dass der Innenhof bespielt und genutzt wird, das ist uns beiden dann erst so richtig bewusst geworden.

Es war toll, das zusammen mit Hans Preißl von der Genossenschaft zu realisieren, er war ja auch von Anfang an mit im Projekt involviert.
Das war sozusagen unser „Jetzt haben wir’s geschafft“ Moment.

Würdest du sagen, dass der Oberhof eine „würdige Wiederbelebung“ erhalten hat?

Ja, total.

Im Vorfeld dieser Konzeptionsfindung hatten wir ja im Oberhof mit den bisherigen Nutzern schon eine kleine und ganz tolle Gemeinschaft.
Es war natürlich nicht alles ausgebaut und wir waren viel weniger Mieter, als es jetzt in dem heutigen Konzept sind.
Aber schon damals haben wir das Potential des Hofes gespürt und die Gemeinschaft gelebt.

Jetzt ist das Ganze natürlich in einem deutlich größeren Rahmen realisiert worden.
Der Hof bietet sehr gute Bedingungen und eine wunderbare Atmosphäre, um zusammen zu leben, zu arbeiten oder einfach gesellig zusammenzukommen.

Leider gab es dann in den letzten Monaten auch negative Nachrichten – der Brand eines Dachstuhls während der Bauphase. Wie hat sich das auf den Zeitplan ausgewirkt? Hat sich dadurch das gesamte Projekt deutlich verzögert?

Das ist ein Ereignis, das ich so schnell nicht vergessen werde.
Der Brand war am 25. August 2020 – der Dachstuhl des Südflügels hatte Feuer gefangen und ist relativ schnell abgebrannt.
Das war ein großer Schock für uns alle und natürlich auch ein großer Einschnitt. Im ersten Moment dachte ich „Jetzt brennt der ganze Hof ab!“.
Die Feuerwehr hat zum Glück super reagiert, die Brandwände gekühlt, damit das Feuer nicht übergreift. Das war auf jeden Fall ein Schock!

Letztendlich hat es eine Verzögerung von etwa einem halben Jahr verursacht, was angesichts des Ausmaßes des Schadens aus meiner Sicht relativ wenig war. Das hätte alles schlimmer ausgehen können.

Wir sind ja auch noch dazu in dieser Corona-Zeit in Materialknappheit gerutscht und hatten mit Preis-Steigerungen zu tun.
Da haben wir zum Glück in diesem Fall noch Schlimmeres abwenden können.
Wir hatten den Dachstuhl wieder errichtet, bevor die Situation so richtig eskaliert ist und es zu den Lieferschwierigkeiten und Kostensteigerungen kam.

Das Konzept des Oberhof sieht Mehrgenerationen-Wohnen und öffentliche Bereiche bzw. Gemeinschaftsflächen vor.
Hat das bisher soweit wie geplant geklappt?
Ist bei den Mietern eine gesunde Mischung aus Jung und Alt zusammengekommen?

Ja, absolut. Es ist wirklich eine gut durchmischte Altersstruktur.

Wir haben im Neubau überwiegend ältere Bewohner und Bewohnerinnen, was aber auch absehbar war.
Im Neubau sind kleinere Wohnungen – 1-Zimmer und 2-Zimmer-Apartments – und eben barrierefrei.
Dort sind schon im November 2020 überwiegend Ehepaare und Singles eingezogen. In den größeren Wohnungen haben sich Familien angesiedelt.

Das Ganze dann gemischt mit den kulturellen und sozialen Einrichtungen – Bibliothek, Jugendzentrum, Restaurant, Ateliers – das wird einfach ein rundes Konzept.

Mehrgenerationen-Wohnen hat ja letztlich auch den Sinn, dass sich Jung und Alt unterstützen und ergänzen.
Würdest du sagen, dass sich jetzt bereits eine Gemeinschaft unter den Mietern entwickelt?

Den Eindruck habe ich auf jeden Fall, ja.

Wir hatten natürlich bis vor einigen Tagen aus Sicherheitsgründen noch Bauzäune im Innenbereich des Hofes, weil die Flächen teilweise noch nicht befestigt waren. So konnten die Menschen im Innenhof bisher noch nicht wirklich zusammenkommen.

Mit der Eröffnung des Oberhofs kann man jetzt aber die Grünfläche, den Spielplatz und die Sitzgelegenheiten dort nutzen.
Das ist jetzt alles offen zugänglich und die Bewohner treffen sich dort tatsächlich auch.
Man sitzt dort, die Kinder spielen, die Erwachsenen unterhalten sich, es ist eine schöne Mischung.

Kannst du für die Leser, die das Projekt gar nicht kennen, kurz das räumliche Konzept und die Aufteilung des Oberhofes beschreiben?

Na klar. Der Oberhof besteht aus historischen Gebäuden, als Drei-Seit-Hof.
Bei Nord-, West- und Südflügel handelt es sich um ein denkmalgeschütztes Kulturdenkmal.
Im Osten haben wir eine alte Maschinenhalle, die nicht unter Denkmalschutz stand, entfernt und haben dort Neubauten errichtet. Diese Neubauten beinhalten 13 Wohnungen und an der Nord- Ost-Ecke nochmal drei Einrichtungen für gewerbliche und soziale Zwecke, nämlich die Diakonie, eine Arztpraxis und das Stadtteil- und Familienzentrum.

Daran schließt sich das Jugendzentrum (JUZ) an, das im alten Gesindehaus über drei Etagen genutzt wird. Dann kommt die Bibliothek, der Friseur und der Hofladen. Im Nordflügel befinden sich keine Wohnungen.

Im Westflügel haben wir weitere 8 Wohnungen und einen Gastronomie-Bereich im ehemaligen Pferdestall, der mit sensationell schönen Gewölben beeindruckt. Auch im Südflügel haben wir 8 Wohnungen und in den Erdgeschoss-Flächen nochmal öffentliche Bereiche für die Diakonie, Ateliers und das Beratungszentrum für Migranten.

Jetzt hast du eben schon erwähnt, dass du dein Architekturbüro früher im Oberhof hattest.
Du hattest auch mal überlegt, wieder zurück zu den Wurzeln zu gehen und genau dort hin mit deinem Büro zu ziehen.
Diese Pläne hast du aber verworfen. Magst du dazu noch etwas erzählen?

Ich habe selber auch eine Hofreite, natürlich deutlich kleiner als der Oberhof. Dort ist im Prinzip ein Büro in einer ausgebauten Scheune.
Wir haben einen wunderschönen Innenhof, viel Grün und, was jetzt im Sommer ganz toll ist, Platz für Lunch oder die Kaffeepause mit den Kollegen an der frischen Luft.
Und mein Hund ist auch immer dabei – meine Hofreite ist sozusagen schon mein Wohlfühl-Ort, daher habe ich mich darauf besonnen, doch hier zu bleiben.

Was wünschst du dir für die Zukunft im Oberhof und für den Stadtteil Ober-Erlenbach?

Ich wünsche mir, dass der Oberhof wieder wird, was er schon früher war – ein Treffpunkt für die Menschen in Ober-Erlenbach und Umgebung.
Ein Ort, wo man gerne zusammenkommt.

Ich wünsche mir, dass der Oberhof den Menschen als Lebensraum dient und das Bewusstsein für die Vorteile des gemeinschaftlichen Wohnen und Lebens weckt. Es wäre wunderbar, wenn der Oberhof als positives Beispiel für viele weitere Projekte dieser Art dient.

Herzlichen Dank für das Interview und die angenehme Zusammenarbeit in diesem Projekt, liebe Antje!

Write a response

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Close
100places.net © Copyright 2020. All rights reserved.
Close