Klimaneutralität durch den Einsatz von Wasserstoff im Immobilienbereich | Interview mit Dr. Manfred Dzubiella, Viessmann

Die Firma Viessmann ist bekannt für das Engagement im Bereich neuer und innovativer Technologien, etwa als Sponsor der “Formel E”. Zu diesen Innovationen zählt auch das Thema Wasserstoff, das oftmals kontrovers diskutiert wird – beispielsweise bezüglich Wasserstoff-Autos als alternative Antriebsform.
Im Hinblick auf den möglichen Einsatz von Wasserstoff im privaten Wohn- und Lebensumfeld haben wir mit Dr. Manfred Dzubiella, Head of R&D Thermodynamics, Engineering Services and Lab bei der Firma Viessmann, über dieses Thema gesprochen.

Dr. Manfred Dzubiella, Viessmann

Head of R&D Thermodynamics, Engineering Services and Lab

Wir handeln natürlich nicht nur für uns, sondern besonders für die kommende Generation, angesichts der globalen Aufgabe, die Energiezukunft zu dekarbonisieren.

dr. Dzubiella


Herr Dzubiella, warum ist für Sie bei der Firma Viessmann das Thema Wasserstoff gerade aktuell hochinteressant?

Das Interesse an Wasserstoff leitet sich aus den von der Politik gesetzten Zielen ab. Es geht um die Energiewende und die Erreichung der Klimaneutralität bis 2045.
Es handelt sich ja um sektorale Ziele – für jeden Sektor, für den Industriesektor, für den Mobilitätssektor und auch für den Wärmesektor, konkret Gebäudesektor, in dem wir unterwegs sind. Auch hier müssen wir die Ziele erreichen. Und diese Ziele werden wir nur erreichen können, wenn wir aus der fossilen Welt herauskommen.
Das heißt, neben elektrischen Lösungen, wie zum Beispiel Wärmepumpen zusätzlich auch mit Brennstoffen unterwegs sind, die kein CO2 mehr produzieren. Und dort sehen wir einen guten Weg mit Wasserstoff, vor allem mit grünem Wasserstoff, der dann natürlich auch CO2-neutral erzeugt wird.

Einsatz von grünem Wasserstoff zur Zielerreichung und Klimaneutralität

Es gibt unterschiedliche Wege der Wasserstofferzeugung: grüner Wasserstoff, blauer Wasserstoff, türkiser Wasserstoff.

Der blaue und der türkise sind Wasserstoffe, die aus Erdgas entstehen oder erzeugt werden, wobei man beim blauen Wasserstoff beispielsweise das CO2 abtrennt und das sogenannte “Carbon Capture Storage” (CCS) anwendet. Dabei wird das abgetrennte CO2 zum Beispiel in alte Untertagesstätten verfrachtet, wo früher Erdgas gefördert wurde.
Der türkise Wasserstoff wiederum entsteht auf dem Wege der Pyrolyse, entweder der thermischen Pyrolyse oder auch einer kalten Pyrolyse mit Plasmalyse-Prozessen, wobei gar kein CO2 entsteht, sondern ein reiner Kohlenstoff. Dafür gibt es sogar Verwendungspfade in der Landwirtschaft oder in anderen industriellen Zweigen.

Abbildung 2 (Bildquelle: Präsentation Fa. Viessmann)


Ich möchte Ihnen zunächst die Tragweite erläutern, warum es so wichtig ist, gerade auch im Wärme- und Gebäudesektor Wasserstoff einzusetzen und wie groß der Hebel dort ist.

Die Darstellung (Abb. 2) zeigt, wieviele Wärmeerzeuger wir in Deutschland haben und wie diese sich aufteilen:
Wir haben knapp 21 Millionen Wärmeerzeuger, davon 7,1 Millionen Gaskessel, weitere 6,3 Millionen Brennwertkessel. Wir haben aber auch noch Ölkessel. Und wir haben Wärmepumpen – diese Darstellung ist eine Statistik aus 2019, das werden heute mehr sein. Die Hauptbotschaft ist, dass alle diese Wärmeerzeuger, bis auf Wärmepumpen und die Biomassekessel, heute mit fossilen Brennstoffen betrieben werden.
Und das zeigt die nächste Darstellung (Abb. 3) nochmal deutlicher. Der Anteil der fossilen Brennstoffe beträgt circa 71 Prozent, wovon Öl 23% ausmacht, Gas 47%, Kohle ist vernachlässigbar. Sie sehen, wir haben da noch ein großes Stück des Kuchens zu dekarbonisieren.

Abbildung 3 (Bildquelle: Präsentation Fa. Viessmann)


Wir haben einen gesamten Endenergieverbrauch in Deutschland von etwa 2.500 Terawattstunden (TWh).
Der Wärme- und Kältebereich umfasst, wenn man die Industriewärme noch dazu nimmt, deutlich über 50 Prozent. Und selbst, wenn man das nur beschränkt auf den Gebäudesektor und die Raumwärme und Warmwasser, da haben wir immer noch knapp ein Drittel des Endenergiebedarfs in diesem Segment stecken. Das bedeutet, dass wir da große Anstrengungen unternehmen müssen, um diesen Sektor CO2-neutral zu gestalten, um die Zwischenziele bis 2030 zu erreichen und dann letztlich auch das Endziel der vollständigen Dekarbonisierung bis 2045.

Abbildung 4 (Bildquelle: Präsentation Fa. Viessmann)

Sie sehen in der Darstellung (Abb. 4), was bisher seit 1990 bis quasi heute erreicht wurde.
Man hat es zwischen 1990 und 2020 geschafft, 42 Prozent CO2 einzusparen. Und da hatten wir – das darf man nicht vernachlässigen – den Sondereffekt der Wiedervereinigung, wo im Osten Deutschlands viel CO2 eingespart wurde, weil dort die komplette Industrie ein Stück weit zusammengebrochen war. Das hat einen merklichen Effekt mitgebracht.

Das Ziel, das wir bis 2030 vor Augen haben, ist ja Mitte des Jahres 2021 nochmal verschärft worden.
Da müssen wir jetzt innerhalb dieses nicht mehr ganzen Jahrzehntes – wir sind ja schon fast im Jahr 2022 (Anm. d. Redaktion: geführt wurde das Interview zum Jahresende 2021) – in den nächsten acht Jahren die CO2-Minderung um weitere 44 Prozent senken. Das ist ein sehr sportliches, sehr ambitioniertes Ziel. Und das ist für uns auch bei Viessmann der Fokus.
Wir sind ja in dem Bereich der Endanwendungen tätig, das heißt, wir entwickeln und stellen Wärmeerzeuger her für das Einfamilienhaus, für das Mehrfamilienhaus, aber natürlich auch für gewerbliche und für industrielle Zwecke.
Genau dort wollen wir gerne beitragen, mit den entsprechenden Heizgeräten, aber auch Brennstoffzellen und KWK-Systemen, die Dekarbonisierungs-Ziele zu erreichen und somit auch einen Beitrag zur Energiewende zu leisten.

Eben haben Sie schon die unterschiedlichen Farben angesprochen. Was verstehen Sie unter dem “Kreislauf des grünen Wasserstoffs”? Welche Vorteile sind da aus Ihrer Sicht gegeben?

Abbildung 5 (Bildquelle: Viessmann Link)

Ausgehend von erneuerbarem Strom aus Sonnenenergie und Windkraft erzeugen wir zum Beispiel über Elektrolyse aus Wasser grünen Wasserstoff als regenerativen Energieträger.

Es gibt aber auch andere Verfahren. Die Elektrolyse ist derzeit das wohl bekannteste und favorisierte Verfahren um Wasserstoff zu erzeugen. Diese Wasserstoff-Erzeugung passiert dann, weil sie aus regenerativen Quellen stammt, CO2-neutral. Bei der Spaltung des Wassers entsteht einmal als Produkt Wasserstoff und eben der Sauerstoff. Den Sauerstoff entlassen wir in die Atmosphäre, der ist dann unschädlich. Und den Wasserstoff können wir in Heizgeräten, Brennwertgeräten, Brennstoffzellen, KWK-Systemen, also gasmotorische KWK-Systeme, die heute mit Erdgas laufen, einspeisen. Diese Geräte können wir mit Wasserstoff laufen lassen. Beim Verbrennungsprozess von Wasserstoff entsteht kein CO2, lediglich wieder Wasser. Und das kehrt in den Kreislauf zurück. Und auf diese Weise schaffen wir es, eine Wärmebereitstellung für Heizung und für Warmwasser hinzubekommen, die völlig CO2-neutral ist.

Ein Viessmann-Claim lautet „We create living spaces for generations to come.“ Was steckt dahinter?

Übersetzt ins Deutsche bedeutet der Claim „Wir schaffen Lebensräume für zukünftige Generationen“. Wir handeln natürlich nicht nur für uns, sondern besonders für die kommende Generation, angesichts der globalen Aufgabe, die Energiezukunft zu dekarbonisieren.
Wir stehen vor dem Dilemma eines Treibhauseffekts, mögliche Auswirkungen haben wir gerade erst im Sommer 2021 auch in Deutschland erleben müssen, wenn Sie sich mal die Überschwemmungen im Ahrtal vor Augen führen. Aber auch weltweit sehen wir an vielen Stellen Auswirkungen des Klimawandels. Wir wollen für zukünftige Generationen einen Beitrag leisten, um diese unselige Spirale zu stoppen.

Für die Zukunft unserer Kinder und unserer Enkelkinder – ich habe übrigens selber zwei Enkelkinder – möchten wir eine lebenswerte Zukunft schaffen. Und dafür müssen wir heute schon sorgen, unter anderem mit einer Energiebereitstellung, die diese Spirale des Klimawandels unterbricht.
In diesem Kontext ist dann auch unser Slogan zu verstehen:
“Wir schaffen Lebensräume für zukünftige Generationen.”

Passend dazu wollen wir jetzt über die Thematik Wasserstoff im Zusammenhang mit Lebensraum, Immobilien und auch Mobilität sprechen. Lassen Sie uns beim Thema Hausbau einsteigen.
Wie und wo kann hier heute schon Wasserstoff zum Einsatz kommen?

Wir sprechen heute, wenn wir über den Gebäudesektor und über die mögliche zukünftige Versorgung des Gebäudesektors mit klimaneutraler Energie, sprich Wasserstoff, sprechen, meist über zwei Szenarien.

Das erste Szenario beinhaltet, dass wir Wasserstoff zu gewissen Anteilen in das bestehende Erdgasnetz einspeisen. Wir sprechen hier über Anteile von 20 bis 30 Prozent. Das ist insofern ein wichtiges Szenario, weil diese Beimischung heute schon relativ schnell erfolgen kann. Und wir können auch schon schnell Früchte ernten, weil auch die bestehenden Geräte heute schon vielfach bis zu 20 Prozent Wasserstoff vertragen, und zwar unveränderte Geräte, wie wir sie heute schon verkaufen.

Abbildung 6 (Bildquelle: Präsentation Fa. Viessmann)

Sie sehen in der Darstellung (Abb. 6) eine Zertifizierungs-Möglichkeit für Heizgeräte, die von dem Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches – DVGW – geschaffen wurde für Geräte, die bis zu 20 Prozent Wasserstoff vertragen.

Diese Geräte müssen bestimmte Prüfungen erfüllen und man muss nachweisen, dass sie mit einem Wasserstoff-Anteil bis zu 20 Prozent zurechtkommen. Und dann sind sie auch so in den Verkehr zu bringen. Und diese Gelegenheit, die es jetzt seit etwa Anfang des Jahres gibt (Anm d. Redaktion.: 2021), haben wir auch schon verstärkt für einen Großteil unserer Produktfamilien der Brennwertgeräte genutzt. Wir haben heute circa 70 Prozent der Geräte zertifiziert – und dieser Prozess geht weiter. Wir planen, dass bis Ende 2022 alle Geräte diesen Prozess durchlaufen haben werden. Das heißt auch, alle diese Geräte sind zu einem normalen Verkaufspreis verfügbar und können sofort zur Anwendung kommen. Und sie sind eben fähig, bis zu 20 Prozent Wasserstoff zu verarbeiten, nachgewiesenermaßen über diese Norm.

Das heiß, das ist dann über ein Prüfverfahren bestätigt worden – 20 Prozent vertragen sie auf jeden Fall?

Genau, über dieses Regelwerk bestätigen wir die Fähigkeit der Geräte, mit Wasserstoff umzugehen.
Und diese Geräte sind auch sofort verfügbar. Also, wenn Sie bei sich Wasserstoff haben oder im Netz bis zu 20 Prozent eingespeist werden können, könnten Sie so ein Gerät sofort einbauen und anwenden.
Und Sie würden sofort im Prinzip einen gewissen Einspareffekt an CO2 bekommen.
Dieses Szenario sehen wir aber als Übergangsszenario. Auf der aktuell vorhandenen technologischen Basis der Geräte können wir heute schon mit einem Anteil von Wasserstoff bis zu 20 oder 30 Prozent arbeiten. Wenn die Wasserstoff-Anteile höher werden, müssen wir die technologische Basis erweitern oder modifizieren. Dazu ist Entwicklungsarbeit notwendig, dazu komme ich gleich.

Weshalb das Szenario Eins nicht ausreicht ist klar: wenn wir immer noch den größeren Anteil Erdgas im Gas oder im Gemisch haben, dann können wir natürlich nicht 100 Prozent dekarbonisieren.
Das heißt, das Ziel “100 Prozent CO2-Neutralität” werden wir auf diesem Weg nicht erreichen. Aber der Vorteil dieses Szenarios ist, zumindest aus Sicht unserer Endanwendungen, dass wir heute schon bereit sind, mit diesen Geräten anzufangen und den ersten Schritt zu machen um Zwischenziele zu erreichen.

Das zweite Szenario geht von reinem Wasserstoff aus. Und hier müssen wir in der Tat noch Entwicklungsarbeit leisten. Diese Geräte, ob nun Brennwertgeräte, Brennstoffzellen oder KWK-Systeme, sind heute noch nicht verfügbar. Diese Technologie befindet sich derzeit in Entwicklung – nicht nur bei uns, sondern auch an anderen Stellen in der Branche. Wir werden also kurzfristig bis mittelfristig in der Lage sein, diese Geräte auf den Markt zu bringen.

Abbildung 7 (Bildquelle: Präsentation Fa. Viessmann)

Über das VIESSMANN SmartQuart-Projekt in Kaisersesch – “Reallabor der Energiewende”

Dieses SmartQuart-Projekt ist eins der Projekte, die entstanden sind auf einen Aufruf des Bundeswirtschaftsministeriums zum Thema „Reallabore der Energiewende in 2019“.

Wir haben uns mit einem Konsortium beworben und haben den Zuschlag bekommen. Dieses SmartQuart-Projekt war das erste vom Bundeswirtschaftsministerium bewilligte Projekt. Wir haben persönlich vom Bundeswirtschaftsminister Altmaier in Berlin die Urkunde überreicht bekommen. Und dieses SmartQuart-Projekt ist auch größer angelegt, als ich es hier zeigen kann.

Es gibt noch weitere Gemeinden im Rahmen des SmartQuart-Projekts. Ich fokussiere mich jetzt auf die Gemeinde Kaisersesch, wo eine komplette Wasserstoff-Infrastruktur aufgebaut wird – von der regenerativen Wasserstofferzeugung über einen Elektrolyseur, Transportstrecken und Speicherung bis hin zu Endanwendungen im Wärmebereich. 

Die Speicherung wird dort mit einem sogenannten LOHC-Verfahren gemacht, da ist die Firma Hydrogenious beteiligt. Und, aus unserer Perspektive natürlich ganz wichtig, mit Verwertung des Wasserstoffs in allen Sektoren, auch im Gebäudesektor. Wir werden dort das Gemeindehaus mit Wasserstoff versorgen, beziehungsweise mit Wärme aus Wasserstoff. Das heißt, wir werden ab dem Jahr 2023 Wasserstoff-Heizgeräte, speziell Brennwertgeräte, aber auch Wasserstoff-Brennstoffzellen installieren, um Wärme und Strom aus Wasserstoff zu erzeugen und zu demonstrieren. Sie sehen, das ist jetzt zeitlich gar nicht mehr so lange hin. Daneben wird es aber auch noch Anwendungen im Mobilitätsbereich geben und im industriellen Bereich. Für uns aber ist wichtig: die Wasserstoff-Heizgeräte, von denen ich die ganze Zeit spreche, die 100 Prozent wasserstofffähig sein werden, befinden sich jetzt bei uns in der Entwicklung und in der Qualifikation. Das heißt, wir betreiben bereits Prototypen in Allendorf, jederzeit vorzeigbar. Und wir werden im nächsten Jahr (Anm. d. Redaktion: 2022) anfangen, die Dauerversuche zu starten. Im Jahr 2023 werden wir dann tatsächlich in das sogenannte “Kaisersescher Reallabor” gehen und dort in der Praxis den Betrieb dieser Geräte demonstrieren.

Bedeutet das, dass dort Musterhäuser entwickelt und gebaut werden? Oder werden bestehende Gebäude für diesen Praxisversuch umgebaut?

Wir versorgen dort ein Verwaltungsgebäude, das Gemeindehaus.
Dieses komplette Gebäude mit Nebengebäuden wird versorgt mit Wärme aus Wasserstoff. Die Gebäude sind also schon vorhanden.
Die vorliegende Struktur wurde dann eben zugunsten einer wasserstoffbasierten Wärmeversorgung verändert.

Abbildung 8 (Bildquelle: Präsentation Fa. Viessmann)

Ich möchte gerne noch auf einen aus meiner Sicht ganz wichtigen Punkt eingehen.
Sie sehen auf der rechten Seite die Abbildung eines Schemas eines Brennwertgerätes, das wir gerade entwickeln (Abb. 8).
Ein wichtiger Punkt, den ich hier auf der linken Seite schwarz hervorgehoben habe: “umstellbar von Erdgas auf Wasserstoff”. Was meinen wir damit und warum ist das wichtig? Wir entwickeln heute die Geräte so, dass wir zukünftig keine Lock-in-Effekte bekommen (Anm. d. Redaktion: “Anbinde-Effekt”; hohe Wechselbarrieren z.B. durch hohe Kosten, binden den Kunden an den Anbieter und erschweren den Anbieterwechsel).

Somit bringen wir unsere Kunden nicht in die Situation, dass, wenn sie demnächst ein Gerät kaufen und irgendwann 100 Prozent Wasserstoff in die Netze kommt, sie die alten Geräte wegwerfen müssen und wieder eine neue, teure Investition tätigen müssen.

Das heißt, wir entwickeln dieses Brennwertgerät so, dass es zu einem  späteren Zeitpunkt durch einen einfachen Austausch einer Baugruppe von einem Erdgasgerät zu einem Wasserstoffgerät mit wenigen Handgriffen umgerüstet werden kann. Wir möchten möglichst schnell Geräte in den Markt bringen. Sie wissen ja, Heizgeräte sind langlebig. Wenn Sie sich heute die Altersstruktur der Heizgeräte anschauen, dann finden Sie noch Geräte, die 30 Jahre und älter sind. Wenn Sie jetzt im Wohngebäudesektor Heizgeräte substituieren wollen, dann muss man das schon über eine Zeitspanne denken, das geht nicht auf einen Schlag. Und mit dieser Gerätekonstruktion wird es uns gelingen.

In Kaisersesch werden wir die ersten Demonstrationen ab 2023 machen, ab 2025 werden diese Geräte in Serie sein. Das heißt, wer dann so ein Gerät kauft, der kauft ein zukunftsfähiges Gerät, welches dann sowieso für Erdgas, für Blends, also für Gemische, verfügbar ist oder diese verarbeiten kann. Und wenn reiner Wasserstoff in die Netze gelangt, dann kann das durch den Austausch einer Baugruppe in einer Stundenaktion durch einen Heizungsbau-Handwerker auf Wasserstoff umgestellt werden. Aus unserer Sicht ein ganz wichtiger Aspekt.

Und sicherlich eine enorme Kostenersparnis…

Und ein enorme Kostenersparnis für den Kunden, richtig. Der Kunde kauft damit gewissermaßen gleich ein Stück Zukunftsfähigkeit mit – ohne, dass er dann anschließend nochmal zur Kasse gebeten wird.

Wieviel Entwicklungszeit steckt da insgesamt schon drin?

Die Wasserstoff-Welt, Sie haben es ja eingangs schon festgestellt, hat sich sehr schnell entwickelt.
Wir haben im Rahmen des SmartQuart-Projekts mit der Entwicklung begonnen, davor haben wir einige konzeptionelle Entwicklungen gemacht, also im Prinzip seit 2019.

Wir werden in diesem Jahr unsere Qualifikationsphasen weitgehend abschließen, im nächsten Jahr die Dauerversuche. Und dann, ab 2023, wird es in der Tat die ersten Geräte im Praxisbetrieb beim Kunden geben. Und 2025 wollen wir dann Seriengeräte haben.

Da stecken jetzt, wenn ich den heutigen Stand nehme, etwa zwei bis drei Jahre Entwicklung drin. Und natürlich auch schon Millionensummen, wenn es um Entwicklungsgelder geht. Wir gehen, das muss man auch ganz klar sagen, ein Stück weit in Vorleistung. Dieses Thema haben wir vielleicht noch gar nicht so angeschnitten. Aber, wenn Sie die Wasserstoff- oder die Energiedebatte, verfolgen, dann werden Sie auch festgestellt haben, dass noch Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, vor allem im Gebäudesektor.

Hier sehen auch manche Politiker den Wasserstoff noch nicht, zumindest nicht primär, sondern eher im Industriesektor. Aber diese große Aufgabe, die ich Ihnen gezeigt habe, wieviel Energiebedarf im Wärmesektor, im Gebäudesektor ist, die wird nicht alleine mit einer Elektrifizierung lösbar sein.
Einerseits müssen wir die Ausgangssituation ja erstmal wahrnehmen:
Wir steigen aus der Kohle aus. Wir steigen aus der Atomkraft aus. Das heißt, wir werden alleine durch den Ausstieg dieser beiden stromproduzierenden Wege bis 2030 Stromlücken bekommen, die natürlich entsprechend substituiert werden müssen durch erneuerbare Energien. Dann werden wir einen Zuwachs bekommen in der Mobilität, sprich, zusätzlicher Strombedarf durch Elektroautos.
Und wir werden zusätzliche Strombedarfe generieren durch den Ausbau der Wärmepumpenlandschaft. All das wird schon die elektrische Schiene vor enorme Herausforderungen auf der Erzeugerseite stellen.

Abbildung 9 (Bildquelle: Präsentation Fa. Viessmann)

Dann kommt noch ein weiterer Aspekt. Ich weiß nicht, ob das allen so klar ist. In der Darstellung (Abb. 9) sieht man den Verlauf übers Jahr, den Vergleich zwischen der Stromlast und der Gaslast in Deutschland, den wir heute haben im Bereich der Gebäudewärme. Und da sehen Sie hier, vor allem die Kurve, die so ein bisschen “badewannen-mäßig” verläuft: in den Wintermonaten haben wir erfahrungsgemäß sehr hohe Leistungsbedarfe, in den Spitzen bis knapp 200 Gigawatt an Leistung, die wir da sozusagen mit dem Gasnetz transportieren, im Sommer deutlich weniger.
Und Sie sehen auch die gesamte Stromlast. Diese bildet fast eine gerade Linie. Sie hat gar nicht diese Atmungsfähigkeit, um Sommer und Winter abzudecken, diese große Lastspreizung, die fast um Faktor drei zwischen Sommer und Winter differiert. Das Stromnetz müsste ja auch dann die Atmungsfähigkeit haben – und diese hat das Stromnetz derzeit nicht.

Das heiß, wenn wir jetzt Wasserstoff ins Gasnetz einspeisen, könnten wir auch sozusagen zur Stützung des Strombereiches beitragen. Ein ganz wichtiger Punkt, den man auch nicht vernachlässigen darf.
Das Gasnetz hat natürlich auch mit den zur Verfügung stehenden Kavernenspeichern (Anm. d. Redaktion: Untergrundspeicher) auch noch den Vorteil, dass wir im Gasnetz viel speichern können. Wir können viel Energie im Gasnetz, inklusive der Speicher, unterbringen. Das sind etwa 260 Terawattstunden alleine in Deutschland. Während wir kaum Möglichkeiten haben, Strom zu speichern, um diese jahreszeitlichen Schwankungen, zum Teil sogar auch tageszeitliche Schwankungen, aufzufangen. Und das sind durchaus Vorteile, die wir sehen, wenn wir Wasserstoff im Wärmesektor, im Gebäudesektor einsetzen können zur Gebäudebeheizung. Dann haben wir in der Tat die Vorteile, dass wir bei dem gut ausgebauten Gasnetz eben viele Verbraucher erreichen können. Und wir haben auch die erforderliche Dynamik, die wir abbilden können, was den jahreszeitlichen Verlauf angeht.

Aus unserer Perspektive ist Mobilität nicht unser Kernfokus. Aber wir verfolgen die Entwicklungen in allen Sektoren, schon alleine aus dem Grund, um festzustellen, wo die Politik bestimmte Randbedingungen setzt. Wenn ich mir den Mobilitätssektor anschaue, dann zeigt sich zumindest in Deutschland und verstärkt in Europa die Tendenz, dass in der Tat die Elektrifizierung der Hauptpfad werden wird, wenn es um den Individualverkehr geht, also um das Auto, den Privat-PKW.

Wasserstoff sehe ich tatsächlich eher im Bereich der größeren Fahrzeuge, wobei ich damit nicht unbedingt Wagen wie die Mercedes S-Klasse oder den 7er BMW meine, sondern eher den öffentlichen Verkehr mit Bussen, den Schwerlastverkehr unter Umständen ebenfalls. Da gibt es ja mittlerweile schon einige Pilotprojekte, die entweder Busse oder auch Müllfahrzeuge oder ähnliches mit Wasserstoff betreiben, beziehungsweise mit Wasserstoff-Brennstoffzellen-Systemen.

Da sehe ich durchaus Möglichkeiten und Chancen, dass Wasserstoff sich durchsetzt.
Inwiefern dann das Ganze auch eine Stufe niedriger in den PKW-Bereich hineinkommt – ich glaube, diese Frage ist aus heutiger Perspektive ganz schwierig zu beantworten. Da wird man noch sehen müssen, was sich in der restlichen Welt tut, vor allem in Japan. Wenn es dort zu einem stärkeren Aufkommen von brennstoffzellen-basierten, wasserstoffgetriebenen Systemen für PKW kommt, dann kann das natürlich meines Erachtens auf den europäischen Markt überschwappen. Aber auch hier müssen wir immer aufs große Ganze schauen – wird es auch die Infrastruktur dafür geben? Wir brauchen dann auch ein vernünftig ausgebautes Tankstellennetz. Wir haben ja heute noch nicht mal ein gut ausgebautes, “Strom-Tankstellennetz”, beim Wasserstoff ist das marginal. Diese Infrastrukturen müssten dann entsprechend doppelt aufgebaut werden.

Sie sehen, das Thema ist facettenreich, mit vielen Dimensionen. Ich sehe den Wasserstoff im Wärmemarkt jedoch als eine wichtige und vor allem notwendige Säule zur Erreichung der Klimaziele.

Herr Dr. Dzubiella, herzlichen Dank für Ihre ausführlichen Ausführungen und einen Ein- und Ausblick in die Thematik des Wasserstoff-Einsatzes im Immobilienbereich.

Sehr gerne!

Kontakt zur Fa. Viessmann zum Thema Wasserstoff

zur Viessmann-Website

Dr. Manfred Dzubiella
Head of R&D Thermodynamics and Engineering Services

Viessmann Werke Allendorf GmbH
email: drd@viessmann.com
mobile: +49 151 15168102
website: www.viessmann.de
address: Viessmannstraße 1, 35108 Allendorf (Eder)

Aktuell in den Medien (17.01.2022): Handelsblatt titelt “Wettlauf um Wasserstoff”

“Der Leverkusener Kunststoffhersteller Covestro prescht mit einer in der EU bisher einzigartig großen Liefervereinbarung vor. Der Dax-Konzern bezieht künftig jährlich 100.000 Tonnen grünen Wasserstoff vom australischen Hersteller Fortescue Future Industries (FFI).”

Link zum Artikel:

zum Handelsblatt

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